Richard Buckminster Fuller war kein Architekt im klassischen Sinne. Er war viel mehr. Viele Berufe und Berufungen ereilten ihn: Maschinenbauer, Marinesoldat, Fahrzeugkonstrukteur, Ingenieur, Softwaredesigner, Künstler, Designer, Mathematiker oder Geograph. Fuller – auch Bucky genannt – begriff sein Schaffen interdisziplinär. Kein Schaffen als Lebensinhalt, sondern Lebensinhalt als Schaffen.
Fullers Lebensweg liest sich imposant: Zweimal [sic!] aus Harvard raus geflogen, dann zur Marine. Jobs als Mechaniker in der Textilindustrie, Arbeit in einer Konservenfabrik. 1917: Heirat der großen, einen Liebe die ihn sein Leben lang begleiten sollte: Anne Hewlett.
Mit seinem Schwiegervater zusammen versuchte er ein Bausystem für günstige, materialsparende Häuser zu verkaufen. Wenig erfolgreich. 1927, arbeitslos und bankrott der nächste Schicksalsschlag: Der Tod seiner Tochter Alexandra. Schuldgefühle und Alkohol in rauen Mengen. Kein Lebenssinn. In letzter Sekunde vor dem Suizid der rettende Entschluss: Sein Leben als Experiment zu verstehen. Der Versuch herauszufinden, was ein einzelner, einfacher Mann gegen die gigantische Übermacht an Organisation, Konzernen und Nationen ausrichten kann.
In wie weit kann ein Individuum die Welt zum Wohle aller verändern?
Eine Neuerfindung mit kaltem Stahl im Mund. Und mit Konsequenzen.
Er erfand den Begriff »Dymaxion« – einer Zusammensetzung aus Dynamik und Maximum – machte ihn zum Sinnbild für seinen ressourceneffizienten Designansatz. Sein Werk nahm Geschwindigkeit auf. Er entwarf Systemhäuser, fast fliegende Autos mit drei Rädern, eine Weltkartenprojektion mit minimaler Verzerrung – die Dymaxion-Weltkarte -, Badezimmer und Nasszellen, Wohntürme oder hielt 42 stündige Vorträge über »Everything I Know« (wer einmal 42 Stunden erübrigen kann …). Zugang zu Fullers Denksystemen zu erhalten gestaltet sich nicht immer einfach. Vor allem weil eben kein reiner Architektur-Philosoph war, sondern alles aus einem ganzheitlichem Standpunkt durchdachte. Er betrachtete den ganzen Planeten als ein geschlossenes, ökologisches und ökonomisches System.
»We are all astronauts« – jeder Bewohner der Erde war für Fuller eben auch ein Bewohner des Komsos, der auf dem »Spaceship Earth« zu hause ist. Fuller glaubte an erneuerbare Energien. An Wind- und Solarkraftanlagen. Lange bevor der Begriff »Ökologie« im Mainstream ankam oder die Medien das Ungeheuer Globalisierung als Ersatz für fehlenden B-Prominentenklatsch hervorkramten.
Für die Weltausstellung 1967 in Montreal entwickelte er ein »Computerspiel«: World Game. Das Spielziel: Die Ressourcen der Erde (Produktion, Energie, Kommunikationsinfrastruktur etc.) so zu verteilen, dass eine globale Win-Win-Situation eintritt. Buckminster wollte das globale Zusammenspiel, die Vernetzung einzelner Systemteile verdeutlichen und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Eine romantische, geradezu idealistische Neuinterpretation des Brettspiels Risiko.
Am berühmtesten (und wohl auch am wirtschaftlich erfolgreichsten) sind jedoch seine Beiträge zu Trägerkonstruktionen: Geodesic Domes. Riesige sphärische Kuppeln mit Dreiecken als Substruktur. Diese Konstruktionsform zeichnet sich durch ihre herausragende Stabilität aus, bei einem sehr günstigem Verhältnis zwischen Material und Volumen. 1954 patentierte Buckminster Fuller das Konstruktionskonzept. Über 200.000 dieser Kuppeln werden weltweit in den unterschiedlichsten Größen gebaut. Berühmt: Sein US-Pavillion der Weltausstellung 1967. Oder das 2001 eröffnete Eden Project, ein 50 Hektar großer botanischer Garten, umschlossen von bis zu 50 Meter hohen Kuppeln, das Fullers Bauweise nutzt.
Eden Project, 3,8 MB - Cornwall, England, United Kingdom – © 2006 Jürgen Matern, released under CC-BY-SA
Sein Design- und Wissenschaftsansätze, ja selbst seine anfänglich belächelte Ästhetik, leben in heutiger Formgebung und Weltanschauung weiter. Fullers Erbe ist immens. Über hundert Regalmeter Aufzeichnungen hat er uns hinterlassen. Aber auch in der Alltagskultur ist Fuller präsent. Reduziert, verdichtet auf ein Maximum, auf ein einzelnes, simples Wort: Synergie. Eine Reliquie der Popkultur. Ein Begriff den er maßgeblich mitgeprägt hat. Man hört es heute meist dann, wenn einem gar nicht so positive Einsparungen positiv konnotiert verkauft werden sollen:
»… [bla bla bla] durch die Zusammenlegung der beiden Unternehmen hoffen wir Synergieeffekte freilegen und auch nutzen zu können [bla bla bla] …«
Buckminster Fuller wäre mit dieser sprachlichen Reduktion seines Begriffs gewiss nicht zufrieden. Er wäre stinksauer. Synergie war für ihn kein leeres Wort, es war Lebenskonzept. Er (über-)steigerte den Begriff zu »Dymaxion« – einer Zusammensetzung aus Dynamik und Maximum, sprachliches Sinnbild für seinen ressourceneffizienten Designansatz.
Richard Buckminster Fuller verstarb am 1. Juli 1983. Bucky, wo immer Du auch sein magst: Danke.
Geschrieben am Samstag, 27. Dezember 2008, von Alex, abgelegt unter Helden
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