Helden: 02 | Giambattista Bodoni – Perfektion

Bodoni

Jede Kunst bekommt irgendwann einmal ihren Mozart. In der Typografie ist die Inkarnation von Talent, Glück und Schöpfungsmenge der am 16. Februar 1740 geborene Giambattista Bodoni. Großes hatte das Leben mit ihm vor: Stempelschneider, Graveur, Buchdrucker, Schriftsetzer, Typograf und Verleger. Doch damit aus einem Talent ein echter Rockstar wird, braucht es mehr als schlichte Begabung: Ein Umfeld in dem sich eine Begabung entfalten und entwickeln kann.

Bodoni wurde durch seine Geburt in ein solches Nest gesetzt. Er entstammte einem alten bekannten Druckergeschlecht. Nach der Lehre in der väterlichen Druckerei zog es ihn nach Rom. In der päpstlichen Kongregationsdruckerei – der Tipografia poliglotta della Sacra Congregazione de Propaganda Fide – fand er Anstellung und in Abbé Constantino Ruggieri einen hervorragenden wie liebevollen Lehrmeister. Kaum hatte er das elterliche und sichere Nest verlassen breitete sich erneut ein behütender Rahmen um Bodoni.

Ruggieri erkannte Giambattists Begabung und förderte sie auf alle nur erdenklichen Weisen. Als Bodoni den Auftrag bekam, eine Schrift des 1561 verstorbenen Claude Garamonds wieder in der Stand zu setzen, packt ihn der Ehrgeiz: Er begann selbst Typen zu schneiden. Verspielt waren seine ersten Arbeiten, vor allem Ornamente und Randschmuck. Die Genialität ist bereits in diesen frühen Arbeiten zu erkennen, doch standen Bodoni noch einige Feuertaufen bevor, bis sich sein Ruhm über ganz Europa erstreckte und Drucker allerorts beeinflusste.

Als sein Gönner, Förderer und Freund Abbé Ruggieri Selbstmord verübte, brach für den jungen Bodoni die Welt zusammen. Nichts war mehr von Wert, nichts hielt ihn noch in der Werkstatt, die seinem geliebten Lehrmeister unterstanden hatte.

Er verließ Rom und wollte in England bei John Baskerville in die Lehre gehen, dem zur damaligen Zeit besten Stempelschneider Englands. Doch eine schwerer Malariaanfall zwang Bodoni seine Pläne zu ändern.

bodoni_sample_heldenEin mit Ruggieri gemeinsamer Freund, Pater Piciandi, machte Bodoni das Angebot in Parma am Hof des spanischen Herzogs Friedrich I. als Druckereileiter zu arbeiten: Die Stamperia Reale. Bodoni nahm an. Mit 28 Jahren begann der Teil seiner Schaffenszeit, die ihn berühmt und im visuellen Gedächtnis der Geschichte unsterblich machen sollte. In einem Zeitraum von fünfundvierzig Jahren schuf Bodoni in seiner Offizin weit über fünfhundert Bücher und schlug etwa 30000 Matrizen für den eigenen Schriftguss.

Sein ganzes Leben suchte Bodoni nach Perfektion; berauscht, beflügelt und nie findend. Für die meisten der von ihm hergestellten Bücher schuf er eigene Schriften, passte sanft Formen an oder betrieb einen schier irrsinnigen Aufwand, die Druckerschwärze nachzubehandeln: Für ein sattes, glänzendes Schwarz.

Ein Jahr vor seinem Tod brachte Bodoni »Les Aventures De Télémaque Fils D’Ulysse / Par Mr. De Fénélon« heraus, das er selbst als sein bestes Werk bezeichnete (wenn er auch nicht umhin kam, einige Dinge anzumerken, die man hätte verbessern können).

Was funktioniert besser?

Was funktioniert besser?

Bodoni hatte das Glück zur rechten Zeit zu Leben. Einer Zeit in der sich das ästhetische Schriftempfinden in Europa formte und festsetzte. Zusammen mit mit Didot in Paris und Baskerville in England prägte Bodoni das monumentale Bild der klassizistischen Schriften. Bodonis Schriften und Drucke sind sind Meisterwerke des Klassizismus. Epochal und in ihrer klassischen Schönheit zeitlos. Dieses perfekte zeitlose Erscheinungsbild ist jedoch in den letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts eine Gefahr für den weitläufigen ästhetischen Reichtum der Bodoni-Schriften selbst geworden. Im Werksatz fast vergessen – zu eigenwillig, zu störrisch, zu aufwändig – braucht es doch einiges an Gespür und händischer Eingriffe, um perfekten Satz herzustellen, wie ihn auch Bodoni selbst geliebt hat. Es wäre schade, wenn das Werk Bodonis nur auf Speisekarten teurer Luxusitaliener und Visitenkarten weiter leben würde.

»Die Buchstaben haben dann Anmut, wenn sie nicht mit Unlust und Hast, auch nicht mit Mühe oder Fleiß, sondern mit Lust und Liebe geschrieben sind.«

Dieses Zitat findet sich im Manuale tipografico, Bodonis Lehr- und Handbuch. Das es überhaupt erschien und heute erhalten ist, verdanken wir seiner Gattin, Margherita Dall’Aglio, die es einige Jahre nach seinem Tod veröffentlichte.

Giambattista Bodoni verstarb am 29. November 1813. Signore Bodoni, wo immer Sie auch sein mögen:  Danke.

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Geschrieben am Montag, 05. Januar 2009, von Alex, abgelegt unter Helden

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