Vorab, alle die jetzt ganz entsetzt die Luft einziehen: Entwarnung, keine Panik: weiter atmen, es geht mir nicht um Politik. Es geht mir um eine Veränderung, die sich vor unser aller Augen vollzieht und in der wir mittendrin stecken.
Das letzte deutliche Zeichen für diese Veränderung: Herr Steinmeier, beziehungsweise seine Berater, mit der »coolen« Idee, für den anstehenden Wahlkampf. Ich sehe den Agendapunkt deutlich vor meinem geistigem Auge: Neupositionierung. Das Image muss überarbeitet werden. Mehr Profil und so. Das ganze Trara eben.
Die Damen und Herren Berater saßen bestimmt gemütlich bei einem Tässchen Tee zusammen und haben mal überlegt, wie sie denn den »Franky« jung und dynamisch positionieren könnten. Politik und Dynamik … schwierig … was fällt uns dazu ein? Barack Obama! Genau! Und der hatte doch so ein tolles Wahlkampferscheinungsbild! So etwas machen wir auch!
An dieser Stelle könnte man schon die Augen verdrehen, genervt seufzen und sich ein Bier aufmachen.
Dann wurde bestimmt in diesem Meeting noch ein bisschen weiter überlegt, ein bisschen geplaudert, ein bisschen Tee getrunken, ein bisschen kommen die kreativen Säfte ins Wallen und irgendwer hat schließlich den absoluten Hammer-Mega-Ober-Burner-Einfall: Wie wäre es denn, wenn wir, so voll »webzwonullig«, die Community an der Gestaltung beteiligen würden? Wie hieß das noch: Crowdsourcing? Ja, genau. Das machen wir!
An diesem Punkt kippt die Geschichte und aus einem gelangweiltem Gähnen wird gequältes Stöhnen. Und man sucht ganz verzweifelt einen Flaschenöffner.
Anfang Februar gab die SPD bei der Crowdsourcing-Internetplattform jovoto eine Ausschreibung für die Entwicklung eines Signets für den Kanzlerkandidaten der SPD bekannt. Endstand 24.3.2009: 350 Beiträge. Na und? Who cares? Davon werden bestimmt 340 Hobby-Grafiker sein, die etwas zusammen schustern – will man meinen (oder hoffen!). Aber: Falsch! Schaut man sich die einzelnen Einreichungen an, erkennt man durchweg eine gewisse Professionalität. Arbeiten der Hobbyfraktion kann man meist an Einhörnern, Regenbogenverläufen oder Esoterikformgeschwurbel (siehe auch Alien-»Logo« von Cottbus) erkennen. Hier nicht vorhanden.
Ich komme einfach nicht mehr aus dem Staunen. Junge! 350 Einsendungen bei einem Pitch (und nichts anderes wurde da veranstaltet) der ein visuelles Hauptkommunikationsmerkmal hervorbringen soll. So viele Einsendungen bei einem Pitch, bei dem man nicht mal die Chance hat den Auftraggeber kennen zulernen, bei dem es keinen Dialog, keinen Entwicklungsprozess, keine Feedbackschleifen gibt. Einfach mal machen, irgendeiner wird schon einen coolen Einfall haben. Kreative Willkür.
Und da machen auch noch 350 Gestalter mit! Bei einer Chance von 1:350 – da spiele ich doch lieber Roulette!
Der Sprecher von jovoto, Bastian Unterberg (sorry my Dear, ich kann nichts für die Namensgleichheit), antwortet im Interview drüben bei Fontblog: »[...] haben die beiden Communitymitglieder auf die Frage nach der Motivation zur Beteiligung am Contest Herrn Steinmeier geantwortet, dass es Ihnen hauptsächlich um den Spaß und den Austausch geht. [...]« – ja ne, is klar, ne? Auf die 350 Maler die mir aus Spaß und des Austausches willen mal mein Badezimmer probehalber streichen warte ich aber noch.
Dabei ist jovoto (wenigstens ein kleines Trostpflaster), im deutschsprachigen Bereich noch eine der besten und transparentesten Plattformen. Man verschenkt dort nicht direkt alle Nutzungsrechte am Entwurf, die Community kürt den Gewinner, das Netzwerk ist noch verschlossen und hält so die Qualität hoch. Crowdsourcing eben so fair gestaltet wie es geht. Und im Gegensatz zu den ganzen Gestaltern, die lieber gestern als heute eine Kammer/Innung/$tolleÜbergeordneteOrganisationseinheit hätten, damit diese Kammer/Innung/$tolleÜbergeordneteOrganisationseinheit sowas mal eben ganz fix verbietet, verteufle ich Crowdsourcing noch nicht einmal. Den ganzen Heulsusen sei einmal geraten, sich die Situation der Architekten anzusehen: Die haben genau diese $tolleÜbergeordneteOrganisationseinheit. Ihr schauerliches Stöhnen und Heulen kann man bei bei Vollmond durch die Nacht wehen hören.
Crowdsourcing ist nur ein Mittel von vielen um erste Ideen zu generieren. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Was mich wirklich ratlos zurück lässt, sind die 350 Einsendungen. 350! Bei allen Eisheiligen! Es ist unfassbar, dass sich die Designindustrie mit voller Kraft voraus in eben jene Misere manövriert, die für die Druckereien seit zehn bis fünfzehn Jahren harter Alltag ist. Die Dienstleistung »Drucken« ist vollkommen beliebig geworden. Kein Gesicht, keine Beratung, der günstigste Anbieter wird eben genommen. Ist doch sowieso alles 4c/4c, was braucht man da schon groß an Kundenbeziehung? Die »tollen« Druckergebnisse dieser Mentalität halten wir alle jeden Tag in den Händen.
Und genau das machen die Designer jetzt auch. Prost!
Face it: Design macht sich gerade austauschbar – wird genau zu dem, was Design eigentlich verhindern sollte: Beliebigkeit. Die Gestaltung wird durch seine eigenen Akteure zu einem Glücksspiel, statt konstruktiver Lösungsfindung, reine Geschmacksentscheidung.
Ich bin hin und her gerissen. Zum einem will ich mir nur noch an den Kopf fassen oder irgendjemanden ganz fest schütteln.
Aber vielleicht ist diese Entwicklung ja auch gut. Gut für die Gestalter und Agenturen da draußen, die ihr Handwerk lieben, mit Herz und Hand bei der Sache sind. Wenn alle Etats die nur auf stupides »Varianten trimmen« hinauslaufen in solchen Pitch-Networks landen, bleibt Zeit und Raum für anspruchsvolles Gestalten, Zeit für Kunden die keine Beliebigkeit, sondern gute Arbeit wollen. Heads up!
Geschrieben am Dienstag, 14. April 2009, von Alex, abgelegt unter Allgemein
Tags: Crowdsourcing, Design, Fail, Steinmeier
Alex, ich kenne Deine professionelle Leidenschaft für das Thema, weiß, dass wir uns gerade wegen der oben von Dir dargelegten Beliebigkeit über den einen oder anderen Auftraggeber sehr geärgert haben, und gebe Dir Recht. Hier degradiert der Profi sich selbst zum Praktikanten. Und das soll den Praktikantenstatus nicht verunglimpfen. Es geht eher um die Wertschätzung und den Wert der Arbeit.