
Bei Spickmich entschuldigt man sich dafür, dass man sich derzeit erst ab Aktivitätslevel 2 einloggen kann, mit einem »Stau auf der Datenautobahn«. Selbst eine Neuregistrierung landet beim Stau-Hinweis.
Dort wird viel los sein, ganz bestimmt, wegen des gestrigen Urteils des Bundesgerichtshofs: Schüler dürfen weiterhin Lehrer bewerten. Anonym. Zum Glück, hänge ich gleich mal an.
Die aktuelle Diskussion ist aufgespannt zwischen dem Persönlichkeitsrecht der Bewerteten (in diesem Fall der klagenden Lehrerin) und dem Recht auf freie Meinungsäußerung der anonym bewertenden Schüler.
Meiner Meinung nach wird aber etwas vergessen: Die Dynamik des Mediums. Wie wollte man die Verbreitung von Informationen im weltweiten Netz verhindern? Verbietet man die (verhältnismäßig friedfertige) Bewertung bei Spickmich, wird es bei StudiVz oder in einer anderen Community vielleicht ähnliche Bemerkungen über einen Lehrer geben. Was ist mit einer Bemerkung in einem Forum? Soll die auch im Vorhinein verboten werden? Das Ansinnen der Bewertungsgegner kommt mir in dieser sich rasant verändernden Kommunikationswelt vor wie das hoffnungslose Unterfangen, eine Springflut mit einer Bahnschranke verhindern zu wollen.
Bemerkenswert: Im Fall der Proteste im Iran bejubelt die westliche Welt die Informationsverbreitung durch Twitter, Facebook und Co., die die iranischen Machthaber nicht kontrollieren können. Die Zensur des Internets in China wird heftig kritisiert. (Was hegte man für Hoffnungen aufgrund der Olympiade in Peking…)
Gleichzeitig aber wird hier im Bedarfsfalle der Ruf nach einer Zensur laut…? Nichts anderes ist die Forderung nach einem Bewertungsverbot oder der Sperrung von Web-Seiten (Stichwort: Zensursula). Finde ich.
Um mich nicht falsch zu verstehen: Ich will Persönlichkeitsrechte gewahrt wissen. Angriffe, Verletzungen und Mobbing im Netz sind widerwärtig. Ebenso die Verbreitung menschenverachtenden Gedankengutes. Die Verunglimpfungskultur anonymer Giftspritzerei bei gleichzeitiger Globalität des Mediums ist ein Problem. Anonymität senkt Hemmschwellen. Und auf keinen Fall ist die Ohnmacht gegenüber verbreiteter »Bad Information« abzutun. (Hier ist jeder selbst auch zu eigener Vorsicht aufgefordert, welche Informationen er von sich preisgibt.) Natürlich möchte ich über mich auch keine Unwahrheiten lesen, die mir ggf. Schwierigkeiten bereiten. Aber, ganz ehrlich: wir müssen lernen damit umzugehen.
Die alten Konventionen einer Welt ohne globale und »demokratisch« (d. h. von vielen Menschen) nutzbare Vernetzung gelten nicht mehr in einer Welt mit einer solchen Vernetzung.
Ohne Dampfmaschine sah die Welt auch anders aus als mit. Sie wurde schneller. Die Uhren ticken ex post anders als ex ante. Haben wir denn trotz der vielen Verkehrstoten auf das Auto verzichtet? Wir haben uns doch lediglich arrangiert, oder?
Verbote im Netz heißen: Medium nicht verstanden. Sechs, setzen!
Das Übel steckt meist nicht im Netz, sondern im Miteinander dahinter.
Ich fand den Vorschlag gut, dass ein wutschnaubender Lehrer die Spickmich-Bewertung doch einfach mal sacken lassen sollte und Schlüsse für sein Verhalten daraus ziehen könnte. Dass an den Wertungen quasi die Welt teilhat, mag nicht angenehm sein, aber ich glaube, wir müssen uns daran gewöhnen. Oder das Internet abschalten.
Nachtrag vom 6. Juli (zugegebenermaßen etwas polemisch):
Eine ältere Dame meinte im zufälligen Gespräch mit meinem Kollegen zum Thema Sperrung von Internet-Seiten, dass sie das stark an 1933 erinnere.
(Und das lasse ich jetzt einfach mal so stehen…)
Geschrieben am Mittwoch, 24. Juni 2009, von Nik, abgelegt unter Allgemein
Tags: Freie Meinungsäußerung, Internet-Kultur, Kommunikation, Meinungsfreiheit, Persönlichkeitsrecht, soziale Interaktion, Spickmich.de







Da kann ich nur eins sagen:
Amen dazu