
Nach dem Gespräch mit Marcus Link (Initiator und einer der Betreiber der Online-Community 4hc – for handicapped) lassen wir heute seinen Kompagnon Hendrik Tiedemann zu Wort kommen: Es folgt der erste Teil unseres Interview mit ihm…
Seit wann arbeiten Sie mit Herrn Link an der 4hc Online-Community?
Kennengelernt haben wir uns im Jahr 2001, ich war damals für ein Gesundheitsportal tätig und kam darüber gelegentlich auch mit dem Thema Behinderung und einigen Betroffenen in Kontakt.
Damals war 4hc noch ein reines Konzept, es gab noch keine Website. Es fand viel Brainstorming statt, verschiedene Leute kamen und gingen wieder. Ich sah allerdings genügend Potential in dem Projekt, um mich einzuklinken und dabeizubleiben. Bis wir dann endgültig startbereit waren und es mit dem Portal wirklich losging, war es jedoch noch einige Jahre hin.
Wie ist das Projekt 4hc.de entstanden?
Das Projekt geht ganz auf Herrn Link zurück. Als Querschnittgelähmter, der durch das ständige Sitzen vielleicht mehr Zeit als andere vorm Computer zubrachte, erkannte er früh die Möglichkeiten des Internets.
Man muss sich vergegenwärtigen, dass bis vor etwa zehn Jahren an viele Informationen nur schwer ranzukommen war; das heute völlig selbstverständliche Suchen per Bildschirm, Google, Wikipedia und Mausklick ist ja ein völlig neuer Zustand. Noch Ende der 90er musste ich als Student wegen fast jeder Kleinigkeit eigens in der Bibliothek recherchieren oder bestenfalls den Brockhaus zu Rate ziehen. Im Grundstudium hatte ich nicht mal einen Computer und tippte meine Seminararbeiten noch mit Schreibmaschine.
Als Behinderter hatte man es in der Hinsicht damals noch schwerer als heute – wer weiß denn auf Anhieb, an welche Ämter und Anlaufstellen man sich wenden kann, wenn man sich plötzlich im Rollstuhl wiederfindet? Welche Zuschüsse stehen einem zu, wie kommt man an Pfleger, wo gibt es behindertengerechte Wohnungen usw.? Wenn einem nicht Familie oder Freunde mit Rat oder Tat zur Seite standen, war es noch schwieriger.
Daraus entstand damals der Gedanke, im Internet einen Ort zu schaffen, an dem man all diese Informationen zentral abrufen kann oder an die richtigen Ansprechpartner weitergeleitet wird, also eine Art „Yahoo für Behinderung“. Natürlich hat sich dieser Gedanke mit der enormen Entwicklung, die das Internet seitdem genommen hat, ebenfalls weiterentwickelt und ausgeweitet, aber das Bedürfnis nach einer zentralen Anlaufstelle für Menschen mit Behinderung ist heute genauso aktuell wie damals.
Dass mehrere der führenden Rollstuhlhersteller schon fast seit dem Start unseres Portals ihre Produkte bei uns bewerben, ist für uns ermutigend und zeigt, dass unser Gedanke auch in der Wirtschaft auf Interesse stößt. Die Hersteller behindertenbezogener Produkte suchen schon lange nach einer geeigneten zielgruppenrelevanten Plattform, um ihr Angebot dort vorzustellen, nur sind in der Vergangenheit entsprechende Rumpf-Plattformen meist bereits eingegangen, bevor sie überhaupt bekannt werden konnten.
4hc gehört zu den wenigen Unternehmungen, die sich über die Jahre hinweg behaupten und die nötige Nachhaltigkeit und Anpassungsfähigkeit an den Tag legen, um nicht nur als Informationsangebot oder reine Community von Besuchern genutzt, sondern auch als dauerhaft tragfähiger Werbe- und Kooperationspartner von seriösen Unternehmen ernst genommen zu werden.
Wir merken jedes Jahr stärker, dass gerade diese Beharrlichkeit besonders geschätzt wird.
Wie würden Sie Ihre Zusammenarbeit mit Herrn Link charakterisieren?
Wir ergänzen uns ganz gut. Wir machen uns unser unterschiedliches Naturell zunutze, indem wir unsere Arbeitsbereiche entsprechend aufteilen.
Grob gesprochen treibt Herr Link das Projekt voran und ich bin mehr für die Konsolidierung zuständig. Natürlich gibt es Überschneidungen, und manchmal tauschen wir auch die Rollen.
Was reizt Sie (als “Fußgänger”) an dem Projekt?
Von Anfang an war es das zielstrebige Engagement von Herrn Link für sein Projekt, das mir besonders auffiel. Da war jemand mit einer besonderen Vision, und darüber hinaus auch mit klaren Vorstellungen wie man sie ins Werk setzen kann, allerdings ohne die notwendigen finanziellen und personellen Mittel. Zumindest im zweiten Punkt konnte ich etwas aushelfen, und schließlich haben wir es dann auch geschafft, das nötige Grundkapital aufzubringen. Das war 2005, und in den folgenden zwei Jahren hat das Portal dann tatsächlich Gestalt angenommen und wird seither von uns in Kooperation mit KM2 immer weiter ausgebaut.
Vom 4hc-Leitthema “Behinderung” bin ich zum Glück persönlich nicht betroffen, aber das spielt für mich keine Rolle. Ich kann mich schließlich auch als Gesunder für die Belange anderer einsetzen, die in dieser Hinsicht schlechter dastehen als ich.
Ein anderer Anreiz ist die weitgehend selbstbestimmte tägliche Arbeitsrealität, die sich doch erheblich von dem Hamsterrad des 08/15-Angestelltendaseins unterscheidet.
Und dann will ich nicht verschweigen, dass 4hc einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Nutzen verfolgt.
Zum Begriff „Fußgänger“ möchte ich noch anmerken, dass wir mit 4hc nicht nur das Handicap-„Kernsegment“ der Rollstuhlfahrer abdecken. Behinderung ist viel mehr. Das kann auch Taubheit, Kleinwüchsigkeit oder sogar Analphabetismus sein. Jemand, der z. B. des Lesens nicht mächtig ist, stößt in der heutigen Informationsgesellschaft auf unüberwindlichere Barrieren als jemand, der durch Polio geschädigt auf einem Bein leicht lahmt. Diese Ausweitung des Begriffs Behinderung weg von schweren körperlichen Beeinträchtigungen ist also nicht aus der Luft gegriffen, wie es vielleicht auf den ersten Blick den Anschein haben mag.
Dann gibt es noch das weite und komplexe Feld der Menschen mit geistigen bzw. kognitiven Behinderungen. Die meisten der gerade genannten Behinderungen gehören zwangsläufig nicht zu unserer Kernzielgruppe, aber wir sprechen ja auch Angehörige, Pfleger, Ärzte und anderes Fachpersonal an, die sich mit den Betroffenen beruflich oder privat beschäftigen.
Zum Interview mit Marcus Link – Teil 1
Zum Interview mit Marcus Link – Teil 2
Geschrieben am Freitag, 31. Juli 2009, von Nik, abgelegt unter Allgemein
Tags: 4hc, 4hc.de, coole Kunden, Interview, Kommunikation, Kundengespräch, soziale Interaktion
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