
Gelassener Medienkompetenter
Nein, mein Sohn Noah ist kein Medienäffchen, sondern medienaffin: Mit diesem Begriff will man heutzutage auf Agentur-Chinesisch sagen, dass jemand oder etwas ein zugewandtes Verhältnis zu dem modernen Kommunikationsschnickschnack pflegt.
Diese etwas… nachlässige Bezeichnung für die ganzen hippen Medien hörte ich neulich im Supermarkt, als zwei gar nicht so betagte Mütter miteinander sprachen. Ich wühlte gerade in den Tomaten, da zischte die eine Mama, dass bei diesem ganzen modernen Kommunikationsschnickschnack mit diesem Internet und so doch keiner mehr mitkomme. »Dat is mir allet zu vill Gedöns. Wieso soll ich dat im Internet läsen, wenn ich doch ne Zeitung habe.«
So so, über den Zustand unserer Mediengesellschaft im Allgemeinen und ihren persönlichen Bezug dazu im Besonderen unterhalten sich also junge Mütter beim Einkaufen in Dortmund. Frank Schirrmacher hätte seine helle Freude gehabt.
Ganz anders mein Sohn: Der ist knapp elf Monate alt und voll im Thema. Bereits nach drei Monaten beherrschte er den Umgang mit dem Laptop. Nicht zaghaft per Zweifingersystem such-tippt er, sondern mit entschlossen auf die Tasten knallenden Handflächen. Das spart Zeit. Das hat er sich im Selbststudium beigebracht. Ein paar Mal Mama und Papa bei der Arbeit am Rechner zugeschaut, schon ließ er die Fäuste fliegen und uns alt aussehen.
Und so setzt sich das fort: Seit kurzem wird getwittert. Und insgeheim ärgert er sich darüber, dass er für den Twitter-Boom kurz nach der iranischen Wahl noch zu klein war. Blogger war er auch, aber nach Twitter wurde ihm das zu oldschool. Da hat er den Blog kurzerhand wieder abgeschaltet. Microblogging ist angesagt…
Er plant einen Facebook-Account. WKW wirkt ihm zu altbacken. SchuelerVZ ist in Planung, aber nur, um dabei zu sein. Ebenso StudiVZ. Vor allem möchte er dort mit seinen Daten sehr zurückhaltend umgehen. Man weiß ja nie… Spick mich kommt gar nicht Frage. Thematisch findet er natürlich die 4hc-Community interessant, weil Papa daran mitarbeitet und 4hc eine gute Sache ist. XING wird fällig, wenn er etwas älter ist, so in anderthalb oder zwei Jahren. Das gilt ebenso für LinkedIn.
Derzeit bemüht sich Noah sehr engagiert darum, einige seiner nicht so medienaffinen Krabbelgruppen-Kollegen für die neuen Medien zu begeistern – als Mini-Medienbotschafter sozusagen.
Die meisten Kinder der Gruppe haben die neuen Medien allerdings schon sehr wirksam in ihren Alltag integriert, so setzen z. B. viele beim Singen den iPod ein. Man spricht dort auch von iPod-Karaoke. Zwischendurch hält man per iPhone oder Blackberry Kontakt zu den Eltern. Der eine oder andere Windelbefüller parliert mobil mit chinesischen Freunden auf Kantonesisch. Englisch ist ohnehin für alle Pflicht. So schreibt man sich im Gemeinschaftsraum – auch zur Optimierung der Fingerfertigkeit – englischsprachige SMS. Als Ersatz für Stille Post sozusagen. Apropos iPhone, am beliebtesten sind die Apps Milk-Alert und Windelstatus, die routiniert genutzt werden.
Über das angekündigte iPad hat man sich kollektiv gefreut, die Pros und Cons bei einem Milch-Snack diskutiert und den ersten Testeinsatz beim digitalen Klecksmalen beschlossen.
Also, Lobo & Co., nehmt euch in Acht, die nächste Generation mit geballter Medienkompetenz steht in den Startlöchern.
Geschrieben am Freitag, 05. Februar 2010, von Nik, abgelegt unter Allgemein
Tags: medienaffin, Medienkompetenz, Medienprofi
Sehr schön! Ein bisschen spät ist er zwar dran, aber das wird er bestimmt ganz schnell wieder aufholen. Und obwohl ich kein Kantonesisch beherrsche, habe ich Ihn natürlich sofort auf meine Twitter-Follower-Liste gesetzt.