Wir können die hiesige Panik wegen Google Street View nicht nachvollziehen. Datenzurückhaltung und -schutz sind wichtig, aber gibt es in diesem Feld nicht wichtigere Baustellen als das panikhafte Rauschen um die Ablichtung von Straßen in deutschen Städten für Street View? Zum Beispiel das stille Ausspionieren der Inhalte meiner eMails, wenn ich Google mail nutze.
Was ist mit dem Thema Netzneutralität? Wenn ein dicker Netzbetreiber darüber entscheidet, was ich im Netz zu sehen bekomme und was nicht, die Daten, die durch die Leitung kommen, also nicht mehr neutral behandelt werden, dann sollte mich das mehr kratzen als ein Foto meiner Hausfassade (Achtung: Öffentlicher Raum, Bilder machen erlaubt!).
Bei Google Street View geht es um die Aufbereitung von Bildinformationen, die ohnehin bekannt, verfügbar oder ohne Einwand (re)produzierbar sind. (Was ist übrigens mit Google maps?) Street View findet außerdem statt vor dem visionären Hintergund sinnvoller Vernetzung: Ausblick: Ein Google Street View-Nutzer im Jahr 2020: “Doch nicht so übel die Stadt. Ziemlich grün alles. Nettes Haus. Ach, da ist ein Häkchen am Fenster, dass eine Wohung frei ist. Mensch, da ruf ich mal an.”
Bei der Netzneutralität steht nichts weniger auf dem Spiel als das freie Internet wie wir es kennen. Netzneutralität hat bisher dafür gesorgt, dass es im Internet sprießt, kreucht, fleucht, wuchert und halbwegs demokratisch zugeht wie wir es täglich erleben. Wenn Unternehmen (auch oder gerade aufgrund ihrer wirtschaftlich-infrastrukturellen Stärke) diese Neutralität beenden, weil sie die einen Daten anders behandeln als die anderen, dann bestimmen sie letztlich auch darüber, was auf den Datenteller kommt – und ob ich mehr bzw. das Besondere nur bekomme, wenn ich für die Durchleitung bezahle. Man spricht schon von so etwas wie dem Zwei-Klassen-Internet. Abstraktes, komplexeres Thema, über das man sich sicher ein, zwei Stündchen austauschen kann. Aber der Aufreger über konkreter fassbare Straßenbiler ist einfacher.
Köstlich übrigens die Leute, die sich öffentlich über Google Street View aufregen und dann mit vollem Namen vor ihren Häusern in der Zeitung zu sehen sind.
Das Argument, Langfinger bekommen mit Street View ein Tool für das bequeme Ausspähen von Häusern und Grundstücken, kann ich nicht gelten lassen. Die Eisenbahn wurde auch nicht abgeschafft, weil Einbrecher schneller zum nächsten Bruch und wieder nach Hause kommen.

