Eine perfekt funktionierende Gruppe
John Cale, Pianist bei Velvet Underground: „Wir hatten eine bestimmte Art, wie wir vier zusammen arbeiteten. Ich saß herum und spielte, und dann kam Lou (Reed), ich spielte ihm einen Gitarrenriff vor, dann spielte er einen Gitarrenriff vor, dann begannen wir, gemeinsam zu spielen und wechselten dabei ständig die Instrumente. So ähnlich war es auch auf der Bühne. Lou fand es gut, dass Moe (Tucker) und Sterling (Morrison) die Songs so spielten, wie sie es wollten. ,Venus in Furs‘, ,Heroin‘ und ,Black Angel Death Song‘ sind perfekte Beispiele dafür, wie jeder etwas anderes spielt und dabei trotzdem etwas Gemeinsames entstand.“
Lou Reed und John Cale waren die Songwriter bei Andy Warhols Band-Projekt Velvet Underground, Cale der klassisch ausgebildete Komponist, Reed Popmusiker, ein perfektes Paar. Die Gruppe scheiterte dennoch – am großen Ego. Reed akzeptierte Cale nicht als zweiten Chef und warf ihn schließlich raus. (Es war wesentlich komplizierter, das ist die Kurzfassung). Die Gruppe stürzte danach rasch ins Nirgendwo. Die Arbeitsteilung ist eine schwierige Angelegenheit. Sie verlangt, dass jeder die anderen machen lässt, ihm seinen Raum, seine Fähigkeiten und sein Urteilsvermögen zugesteht, dass niemand sich zu sehr in fremde Bereiche drängt.
Paul McCartney, Bassist der Beatles: „Es war für John (Lennon) und mich üblich, ins Studio zu gehen, wo wir George (Harrison), Ringo (Starr) und George Martin (den Produzenten) trafen. Wir spielten einen Song, den wir meistens in der Woche zuvor geschrieben hatten, einfach vor. Das dauerte fünf Minuten, eventuell wollte George Martin ihn noch mal hören, dann brauchten wir zehn Minuten. Danach sagte Ringo: ,Okay, ich weiß, was ich spiele‘, und George sagte: ,Ich nehme die oder die Gitarre‘, wir spielten eine halbe Stunde, und das Stück war fertig.“ Die Beatles sind in vielerlei Hinsicht der Prototyp der heutigen Popband. Dieses Zitat bezieht sich auf das Jahr 1965, als Paul McCartney und John Lennon noch zusammen Songs schrieben, meistens auf Konzerttour. Später wurden die Verhältnisse komplizierter, mit dem Ende der Touren nahm nicht nur der Stress ab, sondern auch die Nähe zwischen den Musikern. Doch die Musiker waren Freunde, sie kannten sich sehr gut, hatten miteinander gelebt und vertrauten einander genug, um eine offene Arbeitsatmosphäre zu erhalten, in der kreative Momente immer noch Raum hatten. Wie zum Beispiel das lange Intro von „Hey Jude“ (1968), der erfolgreichsten Single der Beatles.
Paul McCartney: „Ringo ging auf die Toilette, wir hatten schon sehr viele Aufnahmen gemacht, und ich hatte nicht gemerkt, dass er nicht da ist – wir waren alle in diesen kleinen Aufnahmeboxen, Ringos Box war am anderen Ende des Raums. Ich fing also an zu singen ,Hey Jude …‘, es war ein gutes, langes Intro. Und dann sah ich Ringo, der gerade bemerkte, dass ich schon angefangen hatte. Er schlich zurück von der Toilette, zum Schlagzeug, und als er anfing zu spielen, zu Beginn des zweiten Verses, war er exakt im Rhythmus. Es war großartig, es war die Aufnahme, die wir schließlich veröffentlichten.“
Wie funktioniert eine Band? Es ist die Zeit und der Ort, das Gespräch am Vorabend und der Kater am nächsten Morgen, der Streit, der Wochen her ist, und die Freundschaftserklärung aus dem letzten Jahr, der Glaube an die Musik und der Zweifel an sich selbst, die Konzepte und Pläne und Diskussionen und dann, in einem unbeobachteten Moment, die Idee, der überspringende Funke zwischen zwei Musikern, die ungeplante Note, der Ton, der dort eigentlich nicht sein soll, und die anderen, die es akzeptieren, die es einbauen, weil das Neue aus dem Neuen entsteht, nicht aus dem Alten, wie es oft heißt. Das Neue ist das Unvorstellbare, und wenn das jemand gefunden hat und die Band funktioniert, werden es die anderen akzeptieren, weil das WIR größer ist als das ICH, weil das gemeinsame Ziel die eigenen Pläne überragt. Der Bigband-Chef Stan Kenton erklärt es in dem Stück „Prologue (This Is An Orchestra!) auf dem Album „New Concepts for Artistry in Rhythm“, in dem er die Band vorstellt, so:
„Dies ist eine Gruppe von Musikern, die sich zusammengefunden hat, weil sie an eine bestimmte Musik glaubt. Wie alle Orchester ist auch dies einmalig, sein künstlerisches Ideal ist wichtiger als persönliche Unterschiede. Die Musiker kommen aus allen Teilen der USA. Ihre Musik ist das Ergebnis von gegenseitigem Verständnis und der Fähigkeit, sich aufeinander einzustellen. Teile der Musik sind komponiert, Teile improvisiert. Es gibt Momente, in denen Musiker ihre Persönlichkeit ausdrücken, und andere, in denen alle zu einem gemeinsamen Klang verschmelzen. (…) Mit gegenseitiger Hochachtung und großem Respekt vor der Individualität jedes Einzelnen kann diese Gruppe von Menschen viele Arten von Musik machen, von sanften Klängen bis zu brüllendem Lärm. THIS IS AN ORCHESTRA!“ -----|
Text: Peter Lau
aus brand eins 01/02
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